Ganzer Tagzu Fußca. 6 kmviele Stufen

Matera

Ein ganzer Tag zwischen Sasso Barisano, Civita und Sasso Caveoso – mit Höhlenwohnungen, Felsenkirchen, Zisternen, Aussichtspunkten und der Geschichte einer Stadt, die aus dem Fels herausgewachsen ist.

Reiseprofil und Grundidee

Diese Route ist als vollständiger Tagesrundgang angelegt. Sie beginnt am oberen Stadtrand, führt zuerst in den Sasso Barisano, steigt zur Civita mit der Kathedrale an, durchquert anschließend den Sasso Caveoso und endet an einem der stärksten Aussichtspunkte. Die Reihenfolge folgt dem Gelände und vermeidet unnötige Gegenanstiege.

Dauer

7–8 Stunden einschließlich Innenbesichtigungen, Mittagspause und Fotostopps.

Distanz

Etwa 6 km; durch Stufen, unregelmäßiges Pflaster und Steigungen anstrengender als die Zahl vermuten lässt.

Schwerpunkt

Stadtlandschaft, Wasserwirtschaft, Höhlenarchitektur, soziale Geschichte und Felsenkirchen.

Start

Piazza Vittorio Veneto. Ende: Piazzetta Pascoli; von dort kurzer Rückweg ins moderne Zentrum.

Matera verstehen: Landschaft, Stadt und Geschichte

Vorgeschichte: Die Karstlandschaft der Murgia bot natürliche Höhlen, Wasserläufe und bearbeitbaren Kalkarenit. Besiedlung ist seit vorgeschichtlicher Zeit nachweisbar.

Mittelalter: Felsräume wurden zu Häusern, Ställen, Werkstätten und Kirchen erweitert. Auf dem Rücken zwischen den beiden Sassi entstand die Civita als befestigtes kirchliches und herrschaftliches Zentrum.

Frühe Neuzeit: Fassaden, Paläste und Kirchen überlagerten ältere Höhlenstrukturen. Matera wuchs vertikal: Dächer wurden Wege, Zisternen lagen unter Plätzen, Häuser standen auf älteren Räumen.

19.–20. Jahrhundert: Bevölkerungsdruck, Armut und mangelhafte Hygiene verschärften die Lebensbedingungen. 1952 leitete ein Gesetz die Umsiedlung vieler Bewohner ein.

Seit den 1980er Jahren: Restaurierung, Rückkehr in die Sassi, UNESCO-Aufnahme 1993 und Kulturhauptstadt Europas 2019 wandelten das Image der Stadt grundlegend.

Wichtig: Matera ist keine „Höhlenstadt“ im simplen Sinn. Die meisten Gebäude sind Mischformen aus gegrabenen Räumen und gemauerten Vorbauten. Das Entscheidende ist das Zusammenspiel von Negativraum und gebauter Architektur.

Tagesroute

ZeitStationDauerHinweis
09:00Piazza Vittorio Veneto & Palombaro Lungo60 Min.Orientierung und Wasserwirtschaft
10:10Sasso Barisano70 Min.Mehrstöckige Fassaden und unterirdische Räume
11:30Cattedrale di Matera50 Min.Romanik auf dem Rücken der Civita
12:30Mittagspause75 Min.Im Bereich Via Duomo/Piazza Sedile
13:50MUSMA oder Casa Noha60 Min.Innenprogramm und Stadtgeschichte
15:00Santa Maria de Idris60 Min.Felskirche und Aussicht
16:10Casa Grotta di Vico Solitario45 Min.Alltag in einer Höhlenwohnung
17:05San Pietro Caveoso & Gravina45 Min.Kirche am Abgrund
18:00Piazzetta Pascoli30 Min.Abschluss und Abendlicht

Interaktive Karte

Die Karte benötigt Internetzugriff für OpenStreetMap-Kacheln. Die Texte bleiben auch ohne Verbindung lesbar.

Ausführliche Stationen

1. Piazza Vittorio Veneto und Palombaro Lungo

09:0060 Min.Startpunkt

Beginne nicht sofort mit dem Abstieg in die Sassi. Stelle dich zunächst an die Brüstung der Piazza Vittorio Veneto und versuche, das Gelände wie ein Querschnittsmodell zu lesen. Oberhalb liegt die jüngere, repräsentative Stadt; unterhalb öffnen sich die eingeschnittenen Täler des Sasso Barisano. Schon dieser erste Blick zeigt das Grundprinzip Materas: Was wie eine Häuserlandschaft wirkt, ist zugleich Dach, Straße, Zisternendecke und Felsoberfläche.

Warum dieser Ort wichtig ist

Die Piazza markiert die Nahtstelle zwischen dem nachmittelalterlichen „Piano“ und den älteren Sassi. Unter dem Platz befindet sich der Palombaro Lungo, eine große Zisterne, die Wasser aus Dachflächen, Rinnen und Zuflüssen sammelte. Materas Überleben hing nicht von einem großen Fluss im Zentrum ab, sondern von einem ausgeklügelten System des Speicherns, Filterns und Weiterleitens.

Konstruktion und sichtbare Details

Im Inneren des Palombaro erkennst du senkrechte und schräge Bearbeitungsspuren im Kalkarenit. Die Wände wurden mit wasserundurchlässigem Putz versehen. Achte auf die enorme Raumhöhe und darauf, dass es sich nicht um eine natürliche Höhle handelt, sondern um einen aus mehreren Kammern zusammengewachsenen Hohlraum. Der Platz darüber funktioniert dadurch wie ein Deckel eines technischen Bauwerks.

Genau hinsehen: Suche an den oberen Wandzonen nach ehemaligen Einläufen und an der Sohle nach der unregelmäßigen Form, die verrät, dass der Raum schrittweise erweitert wurde.
Praktisch: Der Innenraum ist kühl und feucht; Stufen können rutschig sein. Bei eingeschränkter Mobilität vorab prüfen, ob der Zugang vollständig möglich ist.

2. Sasso Barisano – Stadt aus Fassaden und Hohlräumen

10:1070 Min.ca. 500 m

Der Sasso Barisano wirkt auf den ersten Blick stärker „gebaut“ als der Sasso Caveoso. Viele Häuser besitzen ausgearbeitete Steinfronten, Portale, Balkone und mehrere Geschosse. Hinter diesen Fassaden reichen jedoch Räume tief in den Fels. Diese Doppelstruktur – vorne Architektur, hinten Höhle – ist typisch für Matera.

Baugeschichte und Nutzung

Die ältesten Räume entstanden durch das Erweitern natürlicher Hohlformen. Später wurde das herausgebrochene Material häufig gleich vor Ort für Mauern und Fassaden verwendet. So entstand ein Kreislauf: Der ausgegrabene Stein schuf im Inneren Raum und lieferte außen Baumaterial. Viele Einheiten kombinierten Wohnraum, Stall, Lager und Zisterne. Eine einzelne Familie lebte nicht selten zusammen mit Tieren; Wärme, Gerüche und Feuchtigkeit gehörten zum Alltag.

Architektur lesen

Stelle dich an eine der Serpentinen und verfolge eine Hauszeile von unten nach oben. Du wirst sehen, dass der Vorplatz eines Hauses oft das Dach des darunterliegenden ist. Treppen verlaufen über Gewölbe, und kleine Höfe leiten Regenwasser in Zisternen. Achte auf unterschiedlich große Türöffnungen: breite Öffnungen konnten Ställen oder Werkstätten dienen, kleinere und höher gelegene Türen führten in Wohnräume.

Häufig übersehen: Kleine Rinnen im Pflaster, zugemauerte Öffnungen, Rauchabzüge und unregelmäßig gesetzte Fenster erzählen mehr über frühere Nutzung als die frisch restaurierten Fassaden.
Einordnung: Der Name „Barisano“ wird meist mit der Ausrichtung der historischen Straße Richtung Bari verbunden. Sicher ist vor allem die topografische Unterscheidung vom südlicher gelegenen Caveoso.

3. Kathedrale und Civita – das steinerne Rückgrat

11:3050 Min.Anstieg

Die Civita liegt auf dem Rücken zwischen den beiden Sassi. Diese Lage ist städtebaulich entscheidend: Die Kathedrale thront nicht zufällig oben, sondern markiert den kirchlichen und politischen Mittelpunkt der mittelalterlichen Stadt. Von hier aus fällt das Gelände auf beiden Seiten ab.

Baugeschichte

Die Kathedrale wurde im 13. Jahrhundert in apulisch-romanischer Form errichtet, an der Stelle eines älteren Sakralbaus. Außen blieb der mittelalterliche Charakter deutlich erkennbar, während das Innere in späteren Jahrhunderten stark barock überformt wurde. Dieses Nebeneinander macht das Gebäude besonders lehrreich: Außen zeigt es mittelalterliche Ordnung und Mauerwirkung, innen eine spätere, stärker dekorative Frömmigkeitskultur.

Fassade und Details

Stelle dich frontal vor die Westfassade. Lies sie in drei Ebenen: unten Portale, darüber die große Rosette, oben der Giebel. Die Rosette ist nicht nur Schmuck, sondern Lichtöffnung und symbolischer Mittelpunkt. Seitliche Blendarkaden und Reliefs rhythmisieren die Fläche. Gehe danach zur Südseite: Dort treten Mauerstärke, Fensterformen und der hohe Glockenturm deutlicher hervor.

Blickanweisung: Vergleiche die geometrische Strenge der Außenfassade mit den vergoldeten, farbigen und bewegten Formen im Inneren. Dieser Kontrast erzählt mehrere Jahrhunderte Bau- und Nutzungsgeschichte.
Hitze: Der Aufstieg zur Civita ist sonnenexponiert. Vormittags ist er angenehmer; Wasser mitnehmen.

4. MUSMA oder Casa Noha – Matera im Inneren verstehen

13:5060 Min.Innenstation

Nach der Mittagspause ist eine Innenstation sinnvoll. Das MUSMA verbindet einen historischen Palazzo mit in den Fels reichenden Räumen und zeigt Skulptur in unmittelbarer Beziehung zur Materie des Ortes. Casa Noha dagegen bietet eine konzentrierte Einführung in die Sozialgeschichte der Sassi.

Warum diese Station wichtig ist

Matera wird leicht romantisiert. Die spektakuläre Kulisse kann darüber hinwegtäuschen, dass die Sassi im 20. Jahrhundert für viele Bewohner von Enge, Krankheit und sozialer Ausgrenzung geprägt waren. Eine gute Besichtigung muss daher Schönheit und Härte gemeinsam denken.

Architektonischer Blick

Im MUSMA solltest du darauf achten, wie moderne Kunstwerke vor rauen Felsflächen wirken. Die Räume sind nicht neutrale Museumsboxen; Unebenheiten, Nischen, Temperatur und Akustik werden Teil der Ausstellung. In Casa Noha liegt der Schwerpunkt stärker auf Erzählung und Dokumentation.

Entscheidungshilfe: Wähle MUSMA für Architektur und Kunst, Casa Noha für Stadtgeschichte und gesellschaftlichen Wandel.

5. Santa Maria de Idris und San Giovanni in Monterrone

15:0060 Min.Felskirche

Die Kirche Santa Maria de Idris ist unmittelbar in einen markanten Felssporn eingebettet. Von außen wirkt sie weniger wie ein freistehender Bau als wie eine religiös besetzte Landschaftsform. Der Fels selbst wird zum Sockel, zur Wand und zum Dach.

Bau und Nutzung

Die Anlage verbindet gegrabene Räume mit gemauerten Ergänzungen. Im Inneren führen unregelmäßige Passagen in den älteren Komplex San Giovanni in Monterrone. Felsenkirchen entstanden nicht als primitive Vorstufe „richtiger“ Kirchen, sondern als bewusste sakrale Räume mit Apsiden, Altären, Bildprogrammen und liturgischer Ordnung.

Fresken und Raumwirkung

Achte auf die Art, wie Fresken nicht auf glatten Mauern, sondern auf unregelmäßigem Untergrund liegen. Die Figuren passen sich Nischen und Wölbungen an. Das Licht ist knapp und gerichtet; dadurch wirken einzelne Heiligenbilder wie aus der Dunkelheit herausgelöst.

Außenblick: Gehe einige Meter zurück und betrachte, wie der Kirchenbau mit dem Fels verschmilzt. Danach drehe dich zur Gravina: Der Gegensatz zwischen bewohnter Stadtseite und karger Murgia ist einer der stärksten Eindrücke Materas.
Mobilität: Viele Stufen, schmale Wege und unregelmäßige Böden. Bei Einschränkungen besser die Aussicht von der unteren Route genießen.

6. Casa Grotta di Vico Solitario – Alltag in einer Höhlenwohnung

16:1045 Min.Wohnkultur

Eine rekonstruierte Höhlenwohnung ist unverzichtbar, weil sie die abstrakte Baugeschichte in konkrete Lebensbedingungen übersetzt. Raumaufteilung, Möbel und Geräte zeigen, wie Wohnen, Arbeiten, Lagern und Tierhaltung in einem einzigen System zusammenkamen.

Raumorganisation

Der vordere Bereich erhielt am meisten Tageslicht und wurde zum Wohnen und Arbeiten genutzt. Tiefer im Fels lagen Schlafplätze, Vorräte und Stallbereiche. Nischen ersetzten Schränke. Betten wurden erhöht oder mit Stauraum kombiniert. Die geringe Zahl von Öffnungen sparte Wärme, erschwerte aber Lüftung.

Feuchtigkeit und Hygiene

Kalkarenit kann Feuchtigkeit aufnehmen; Menschen, Tiere und Kochfeuer erhöhten die Belastung zusätzlich. Die Umsiedlung der 1950er Jahre muss daher vor dem Hintergrund realer gesundheitlicher Probleme verstanden werden, nicht nur als Verlust einer romantischen Lebensform.

Genau hinsehen: Achte auf Futtertröge, eingelassene Nischen, erhöhte Schlafstellen, kleine Rauchöffnungen und die Nähe von Mensch und Tier.

7. San Pietro Caveoso und der Rand der Gravina

17:0545 Min.Panorama

San Pietro Caveoso steht an einem dramatischen Übergang: hinter der Kirche die dichte Stadt, davor der Absturz in die Gravina. Ihre heutige Fassade ist barock geprägt, während der Baukörper ältere Schichten bewahrt.

Fassade lesen

Die Front ist in drei Achsen gegliedert. Über den Portalen stehen Figuren in Nischen. Die zentrale Achse wird durch Fenster und Rosette betont. Der Glockenturm setzt einen vertikalen Akzent gegen die horizontale Kante des Plateaus.

Städtebauliche Bedeutung

Die Kirche bildet einen festen architektonischen Punkt in einer ansonsten stark vom Gelände bestimmten Umgebung. Von der Platzkante lässt sich besonders gut erkennen, wie der Sasso Caveoso seine amphitheaterartige Form erhält.

Fotopunkt: Positioniere dich seitlich, sodass Kirche, Felsensporn von Santa Maria de Idris und gegenüberliegende Murgia gemeinsam im Bild liegen.

8. Piazzetta Pascoli – Abschluss im Abendlicht

18:0030 Min.Endpunkt

Die Piazzetta Pascoli ist der ideale Abschluss, weil sie die Stadt nicht aus der Tiefe, sondern als Gesamtbild zeigt. Im späten Licht werden Mauerkanten, Treppen, Dächer und Felsflächen plastischer.

Was du jetzt erkennen kannst

Nach dem Rundgang solltest du nicht mehr nur eine malerische Häuserkulisse sehen. Suche stattdessen nach den drei Ebenen: oben Civita und Piano, darunter die gestaffelten Häuser des Sasso Caveoso, dahinter die Gravina und die Murgia. Versuche außerdem, Wege als Dächer und Fassaden als Verlängerungen von Höhlen zu identifizieren.

Erzählender Abschluss: Materas Besonderheit liegt nicht in einem einzelnen Monument, sondern im jahrhundertelangen Umbau einer Landschaft zu einem urbanen Organismus.
Vorherige Station

Varianten und praktische Hinweise

Kürzere Route, 4–5 Stunden

Piazza Vittorio Veneto → Sasso Barisano → Kathedrale → Santa Maria de Idris → Casa Grotta → Piazzetta Pascoli. MUSMA/Casa Noha und San Pietro Caveoso nur außen.

Hitzevariante

Früh starten, Palombaro und Sasso Barisano am Vormittag, lange Mittagspause zwischen 13 und 15 Uhr, Felskirchen und Aussicht erst später. Hut und mindestens 1,5 Liter Wasser pro Person.

Barriereärmere Variante

Piazza Vittorio Veneto, Aussicht Sasso Barisano, Via Duomo/Kathedrale, Casa Noha oder MUSMA soweit zugänglich, Piazzetta Pascoli. Tiefe Abstiege in Sasso Caveoso vermeiden; Taxi zwischen oberen Aussichtspunkten erwägen.

Schlechtwetter

Palombaro, Casa Noha, MUSMA, Kathedrale und Casa Grotta priorisieren. Bei Nässe sind Kalksteinpflaster und Stufen sehr rutschig.

Essen und Pausen

Für die Mittagspause eignen sich Lokale im Bereich Via Duomo, Piazza Sedile oder am oberen Rand der Sassi. Typisch sind pane di Matera, cialledda, Pasta mit Peperoni cruschi, Hülsenfrüchte und Gerichte mit regionalem Hartweizen. Reserviere in der Hochsaison; in den tiefen Sassi sind Wege nach dem Essen erneut anstrengend.

Quellen und Bildhinweise

Historische Grunddaten und Welterbe-Einordnung: UNESCO World Heritage Centre, „The Sassi and the Park of the Rupestrian Churches of Matera“. Ergänzend: offizielle Museums- und Kirchenseiten sowie seriöse lokale Kulturinstitutionen. Aktuelle Öffnungszeiten und Zugänglichkeit bitte am Besuchstag prüfen.

Leitbild wird extern über Wikimedia Commons geladen und benötigt Internetzugriff. Kartenbasis: OpenStreetMap-Mitwirkende. Stand der Ausarbeitung: 14. Juli 2026.